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Tanja Jeschke

jetzt unter Vertrag bei der

Literarischen Agentur

Antas Bindermann Listau. Wir wünschen ihr viel Erfolg für die Vermittlung

ihres neuen Romans!

Auf der

Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet mit dem

Christlichen Buchpreis 2015

 

Tanja Jeschke

Die große Bibel für Kinder

Illustriert von

Marijke ten Cate

Deutsche Bibelgesellschaft

Stuttgart 2012

ISBN 978-3-438-04070-1

288 Seiten; 22,99 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Tauschen und Verwandeln – eine südafrikanische Reise

 

Im 19. Jahrhundert wurden Missionare von verschiedenen Missionsgesellschaften in ferne Länder geschickt, damit sie den Menschen dort beibrachten, wie man seinen Gott wechselt und den Glauben austauscht: den falschen Gott des Heidentums gegen den wahren Gott der Bibel. Die Missionare selbst tauschten das seit Generationen eingeübte Leben in ihrer Heimat ein gegen ein neues Leben unter völlig fremden Bedingungen. Sie ließen Haus, Hof und Verwandte hinter sich, um eine fremde Sprache zu lernen, die Bibel zu übersetzen, Gemeinden und Schulen zu gründen, Kirchen zu bauen. Ein abenteuerlustiger und in tiefer Frömmigkeit gewagter Totalwechsel der Existenz war das, ein „Glaubenswagnis", oft begleitet von starkem Heimweh, denn ihr Vaterland blieb unerreichbar, der Tausch war endgültig, es gab nur Briefe, ein paar Fotos.

Hermann Hesse, der große Lobpreiser der Wandlung, dessen 50. Todestag jüngst begangen wurde, ist Spross einer solchen Missionarsfamilie, sein Vater hatte Süddeutschland gegen Indien getauscht.

Mein eigener Vater entstammt der Familie eines Afrika-Missionars. Der norddeutsche Erweckungsprediger Louis Harms hatte ihn um 1860 dazu bekehrt, Beruf und Kontinent zu wechseln: Missionar statt Schneider, Zululand statt Lüneburger Heide.

Hermann Hesses Schwester hieß Marulla, ebenso wie unsere Tochter, die wir 2004 in Johannesburg adoptierten. Und weil wir Marulla ihr Geburtsland zeigen wollten, die afrikanischen Orte, in denen ihre Vorfahren gewirkt und gelebt haben - die einen als Missionare, die anderen als Missionierte - tauschten wir unser kostbarstes Hochzeitsgeschenk ein gegen Flugtickets nach Südafrika: Ein Original-Aquarell, das Hermann Hesse am Karfreitag 1945 gemalt und meinen Großeltern Elisabeth und Albrecht Goes geschenkt hatte. Es ließ sich hansimglücklich in genug bare Münze umwandeln, so dass wir im August 2012 in Johannesburg auf Oliver R. Tambo International Airport landeten, dessen alter Name Jan Smuts dem politischen Wandel zum Opfer gefallen ist.

Südafrika: ein Land, das sich verändert hat.

Was bleibt übrig von der alten Haut, wenn sie die Bedeutung ihrer Farbe verloren hat?

Wie können Menschen aus ihrer Haut heraus?

Schon bei unserer Ankunft wird eins klar: Noch immer sind es die Farben der Haut, die die Geschichten dieses Landes schreiben.

„Heute Nachmittag kommt Angelina", erzählt uns meine Tante, als wir beim Infostand am Flughafen auf den Mann warten, der uns den Mietwagen liefern soll.

„Angelina ist als Kind früher oft zu meiner Mutter gekommen. Meine Mutter hat ihr die Schulbücher bezahlt."

Jetzt ist klar, dass Angelina schwarz ist.

„Ihre Eltern waren Trinker. Meine Mutter hat sich damals um sie gekümmert. Sie lebt jetzt hier in Pretoria und hat ein Pflegekind, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Das Pflegekind hat heute Geburtstag. Meine Töchter und ich richten für Angelina und das Mädchen immer die Geburtstage aus."

Diese Geschichte handelt von der Apartheid und ihren Auswirkungen bis heute. Sie spielt auf Oliver Tambo Airport und zeigt, wie die weißen Geburtstagstischdeckerinnen bei der schwarzen Angelina etwas gut machen wollen. Wie die Apartheid umgetauscht wird in etwas anderes.

Sie wird erzählt, um von Anfang an den in der deutschen Kinderstube demokratisch Erzogenen zu zeigen, wieviel Gutes hier dennoch geschieht und schon immer auch geschehen ist. Denn das Gewissen beißt zu, das Bewusstsein, für das Leben der Schwarzen auf eine bestimmte schuldhafte Weise verantwortlich zu sein. Hört zu, so löffeln wir unsere Suppe aus.

Wir warten immer noch auf unseren Mietwagenmann. Wo bleibt er?

Irgendwie kommt meine Tante jetzt auf ihren Gärtner zu sprechen. „Er kriegt jedes Mal auch zu essen von mir", sagt sie.

Wir nicken. Es ist also wieder ein Schwarzer, von dem sie erzählt.

„Sie sind ja jetzt verwöhnt", fügt sie dann hinzu. In einem beinahe liebevollen Ton.

Verwöhnt wie ein Kind, um das man sich eben zu kümmern hat.

Sie – das sind immer die Schwarzen. Die früher nicht so verwöhnt waren, als sie nicht das hatten, was für die Weißen selbstverständlich war. Als die Weißen noch die Verwöhnten waren, mit Swimmingpool, billigen Arbeitskräften, großen Häusern.

Jetzt, wo auch die Schwarzen dran sind, vermissen viele Weiße das Gefühl kindlichen Bevorzugtseins. Sie müssen plötzlich teilen mit Geschwistern. Aber wer sind die Eltern?

„Er arbeitet und dann bleibt er solange sitzen, bis das Essen kommt. Eher geht er nicht."

Und nach einer kleinen bedeutsamen Pause sagt sie plötzlich: „Er ist ein guter Mann."

Vielleicht will sie sich beschwichtigen, ihren elterlichen Ärger über seinen Anspruch besänftigen damit, dass es sich immerhin um einen guten Mann handelt, der von ihr Essen will. Wir dürfen ihn nicht schlecht finden, denn er ist schwarz.

Jetzt kommt er endlich, unser Mann. Ziemlich zu spät.

Ein Schwarzer. Über seinem Erscheinen schwebt ein Klischee: Schwarze haben eben ein anderes Zeitgefühl. Er kommt zu spät, denn er ist schwarz.

Er ist schmächtig, trägt eine Kappe. Ich mache meiner Tante gegenüber eine Bemerkung auf Deutsch, spreche von „dem Mann", meine Tante korrigiert sofort: „Du meinst den Schwarzen". Ich verstumme irritiert, dann sagt sie: „Er sieht freundlich aus."

Eine Art Rechtfertigung? Wieder ist ein Tausch geschehen: Die Hautfarbe und das freundliche Aussehen haben die Plätze gewechselt. Früher sah der Mann vielleicht freundlich aus, war aber schwarz. Heute handelt es sich um einen Menschen, dessen Freundlichkeit seine Hautfarbe „wett" macht. Seine Freundlichkeit muss für wichtiger befunden werden, weil etwas anderes zu denken abgeschafft worden ist. Die Tauschbemühung ist aufrichtig. Meine Tante ist bereit, den Mann ganz zu akzeptieren. Aber dafür muss sie ihn rechtfertigen.

Wir fahren durch Johannesburg, über uns ein knallblauer Himmel, das Sonnenlicht brilliert wie tausend Diamanten. An der Ampel tanzt einer 'nen flotten Step, mitten auf der Kreuzung. Am Feldrand der Autobahn in Richtung Pretoria gehen Menschen entlang. Selbstverständlich sind sie schwarz, sie gehen geduldig und zügig zugleich. Vermutlich haben sie noch einen weiten Weg vor sich.

Meine Tante wohnt mit ihrer Familie in einem langgestreckten Bungalow in einem der Wohnviertel Pretorias, durch die abends die Autos der gut bewaffneten security fahren. Eine prächtige Palme steht neben dem Swimmingpool im großen Garten. Hinter der Garage auf dem Hof befindet sich ein kleiner Anbau. Hier hat bis vor kurzem noch Franzina gewohnt, die fast 30 Jahre im Haus geholfen hat. Sie ist jetzt zu ihren Kindern nach Mamelodi gezogen, in das Township im Osten Pretorias. Die Tür zu ihrer verlassenen Kammer steht offen. Ich werfe einen Blick hinein. Hier ist nur Platz für ein Bett. Das Waschbecken so groß wie ein Hochglanzmagazin, das Klo in einem winzigen Gang dahinter. Am Fenster verblasste Vorhänge, ein paar Kartons stehen herum. An der Wand lehnt eine alte Matratze.

Warum steht die Tür offen? Das wirkt, als sei sie nur ganz kurz fort gegangen. Als werde gehofft, sie komme zurück. An ihren alten Platz.

Als ich vor 20 Jahren hier war, hat Franzina noch das Essen gekocht. Jetzt steht meine Tante selbst am Herd. Ein Rollenwechsel. Macht sie jetzt alles allein, frage ich mich, oder hat sie wie früher noch Hilfen außer dem Gärtner?

Doch, ab und zu kommt Anna, eine freundliche Schwarze mit einem Kopftuch. Sie gibt mir die Hand und stellt sich vor: I am Anna. Where is Traudl?

Traudl ist der Vorname meiner Tante. Franzina hat sie nie beim Vornamen genannt, 30 Jahre nicht.

Am nächsten Tag kommt Tumi. Er ist Tänzer und hat ein paar Jahre an einem Tanztheater in Köln gearbeitet. Heute nimmt er uns mit nach Soweto, wo er aufgewachsen ist. Wir fahren mitten hinein in die berüchtigten Viertel von Kliptown, in denen es nur eine Wasserstelle gibt für tausende von Menschen. Die winzigen niedrigen Hütten erinnern an zerbeulte Konservendosen. Hunde und kleine Kinder stolpern über Gräben, Frauen kochen, Feuer brennen.

An diesem Ort scheint sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert zu haben.

Wir parken an einem riesigen betonierten Platz, flankiert von einem großen modernen Hotel. Hier werden die ausländischen Gäste aus Politik und Wirtschaft untergebracht, um zu demonstrieren, was Soweto heute ist und kann. Mitten auf dem Platz ragt der Turm in die Höhe, der die „Magna Carta" der nach-apartheidlichen Gesellschaftsordnung birgt: Auf einer runden Metallscheibe sind sie eingraviert, die neuen Rechte für alle, für Schwarze und Weiße. Slums soll es nicht mehr geben, jeder hat ein Recht auf Arbeit, steht da zu lesen.

„Aber das ist alles nicht erfüllt", sagte der Guide, der den Touristen im Turm zu Erklärungen bereit steht. Im Hintergrund spielt ein alter Mann auf der Blockflöte: Nkosi sikilele Africa.

Soweto ist die einzige Stadt der Welt, in der gleich zwei Friedensnobelpreisträger lebten – und das auch noch in derselben Strasse, der Vilakazi Street: Nelson Mandela und Desmond Tutu. Ihre Häuser stehen nicht weit voneinander entfernt. Mandelas Haus ist längst ein Museum. Während im Mauerwerk neben der Haustür noch die Löcher der Gewehrkugeln zu sehen sind, mit denen Winnie Mandela beschossen worden ist, stehen in einer Glasvitrine die Stiefel Mandelas aus Robben Island. Relikte der Vergangenheit, mit denen das kleine Backsteinhaus vom großen Tausch Südafrikas erzählt.

Es gibt noch ein weiteres Museum in Soweto, das die Erinnerung an Südafrikas Geschichte wachhält: Das Hector Pietersen Museum. Es befindet sich in der Nähe der Morris Isaacson School, jener Schule, aus der am 16. Juni 1976 die Schulkinder loszogen, ihren Tyrannen entgegen, die mit den Maschinengewehren schon auf den Panzern bereitstanden. Hector Pietersen war eines der Kinder, die brutal niedergeschossen wurden. Das Foto ging damals um die Welt: Ein Jugendlicher trägt die Leiche des Jungen, neben ihm läuft schreiend dessen Schwester. Sie ist heute die Direktorin des Museums. Als wir hineingehen, sehen wir sie dastehen, eine kleine Fünfzigjährige mit langem Rock. Sie erzählt einer Gruppe von Touristen die Geschichte vom Tod ihres Bruders.

„Der Jugendliche, der Hector Pietersen damals aufhob und wegtrug, hat das Land sofort nach dem schrecklichen Tag verlassen", berichtet uns Tumi, „er ist seither spurlos verschwunden. Seine Familie hat nie mehr etwas von ihm gehört. Viele der erschossenen Kinder waren einfach weg. Sie wurden den Krokodilen und Pyranias in Mocambique vorgeworfen, um Spuren zu verwischen."

Und Tumi? Wie hat er die Zeit erlebt?

„Als ich 14 Jahre alt war, habe ich als Tütenpacker in einem Kaufhaus gejobbt", erzählt er. „Einmal ließ ich aus Versehen die Tüte eines Weißen fallen. Er raunzte mich an. ‚He! was fällt dir ein!' Ich entschuldigte mich. Da sagte der Bure zu mir: ‚Du bist ein Kaffer. Dieses Land gehört mir. Du hast kurzes Kraushaar. Dein Gehirn wächst nicht so wie meines. Du bist dumm. Mein Haar ist glatt. Darum bin ich besser als du.' Tumi antwortete: ‚Ich verstehe das nicht, was du da sagst. Mein Gehirn ist noch nicht groß genug dafür. Geh zu dem Mann da drüben, der ist groß. Der versteht vielleicht, was du meinst. Sein Gehirn ist bestimmt schon gewachsen.'" Daraufhin jagte der Bure ihn wie ein wütender Stier durch das Geschäft.

Mit 16 Jahren wurde Tumi für zwei Monate ins Gefängnis gesteckt. Man verdächtigte ihn, einen Mann mit Benzin übergossen und verbrannt zu haben. Er war gerade in der Nähe des Opfers, wurde zu ihm hingezerrt und beinahe auch angezündet. Das war eine so schlimme Erfahrung, dass Tumi es seither nicht mehr in Menschenansammlungen aushält. Kino, Parties, Theater – das geht alles nicht mehr. Selber auf der Bühne tanzen, ist etwas anderes. Da hat er genug Raum, um sich uneingeschränkt zu bewegen. Tanzen ist für ihn Therapie. Seine Beinmuskeln wurden bei einem Überfall durch Stichwunden verletzt. Das Tanzen hat bei der Heilung geholfen.

Tumi erzählt, dass hier in Soweto viele 40-50jährige Männer mit schweren Belastungsstörungen herumlaufen. Sie sind traumatisiert durch die Zeit der Aufstände in den 70ger und 80ger Jahren und erhalten keine psychiatrische Hilfe. Also tragen sie ein ungeheures Gewaltpotential mit sich herum. „Das", sagt Tumi, „ist der Grund für das große Problem der Kriminalität und Drogen in Soweto."

Auch Traumata, die das Leben bis zur Unkenntlichkeit verändern, sind Relikte der Vergangenheit. Der menschliche Körper wird zum Museum, die Biografie zur Ausstellung von Unmenschlichkeit.

Wir fahren zu einem Gebäudekomplex, in dem SKY untergebracht ist: Soweto Kliptown Youth – eine Organisation, die Bob, ein Freund von Tumi gegründet hat, um Kindern zu helfen. Tumi ist einer seiner Mitarbeiter, er tanzt mit den Kindern. Bob selber war jahrelang ein Straßenkind, wurde dann in Soweto adoptiert und versucht heute, Kindern beizubringen, wie man in gesunden Familienstrukturen leben kann. Die Kinder und Jugendlichen unterschiedlichen Alters essen, kochen und haushalten hier gemeinsam, wenn sie von Schule und Kindergarten „nach Hause" kommen. Jeder Einzelne gehört zu einer „Familie", in der es eine Mama und einen Papa gibt. Diese Rollen übernehmen die Kinder jeweils für eine bestimmte Zeit. Und egal wie alt der Papa, die Mama ist, ob 10 oder 8 oder 14 – es wird gehorcht. Das Amt verleiht die Autorität, die nötig ist, damit die Familien Orientierung geben.

Und das funktioniert? Der 16jährige tut, was die 10jährige Mama sagt?

„Ja", sagt Bob, „das funktioniert erstaunlich gut, weil damit das tiefe Bedürfnis nach klaren Familienstrukturen gestillt wird. Und das beweist einmal mehr, wie sehr Heranwachsende darauf angewiesen sind, dass es Mamas und Papas gibt, die sagen, wo es lang geht."

Als nächstes zeigt Tumi uns eine Art Heimatmuseum in einem kleinen Haus neben einem Imbiss. Es dokumentiert, wie in Soweto gelebt wurde. Improvisierte und selbstgezimmerte Alltagsgegenstände, Küchenwerkzeug, Schränke, Kaffeemühlen und viele Fotos. Seht her, sagen sie, so war es bei uns, und versuchen damit, ein Ende zu proklamieren, ein Vorbei - nichts anderes als eine Wandlung.

Bolo, der Gründer des Museums, ist nie in die Schule gegangen, aber er hat sich schon immer für Geschichte interessiert und er kann fotografieren. Er wollte einen Ort schaffen, an dem die Menschen zusammenkommen, um zu essen und der Geschichte von Soweto zu begegnen. Also begann er, all diese Dinge zu sammeln, und baute das Museum auf. Seine Frau betreibt den Imbiss. Sie wischt gerade die Böden. Ihr Baby liegt im Wagen hinter der Theke mit den Snacks.

Im Zentrum von Soweto steht der Oppenheimer Tower, ein Turm, der 1957 gebaut wurde, Sir Ernest Oppenheimer zu Ehren, der als Minen-Magnat und Millionär das erste Township Johannesburgs bauen ließ, um den durch die Apartheid-Regierung zwangsumgesiedelten Schwarzen ein einigermaßen menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Von hier oben hat man einen guten Überblick über die pastellfarbene Legosiedlung.

Und über den kleinen Park, in dem der berühmte Credo Mutwa 1974 begann, seine Skulpturen und Artefakte zu schaffen. Mutwa war ein Künstler und Sangoma, ein Heiler. Die Menschen kamen zu ihm in diesen Park, in dem er zehn Jahre lang arbeitete und wirkte. Sie lebten mit ihm in den runden Lehmhütten, suchten Rat und Heilung, und wenn sie dennoch starben, dann legte Mutwa ihre toten Körper hoch oben auf eine Bahre unter dem geöffneten Dach, damit ihre Seelen wegfliegen konnten.

Seine mythischen Figuren sind gewaltig: Erdgöttinnen, legendäre afrikanische Krieger, Ikonen afrikanischer Nationalität. Viele der monströsen Skulpturen wurden während der Aufstände 1976 zerstört, später teilweise wieder restauriert.

Auch ein Prophet war Credo Mutwa: Es gibt in seiner Hütte eine Wandmalerei, die schockiert. Zu sehen sind zwei Hochhäuser mit einem Flugzeug direkt davor, gleich wird es hineindonnern. Das Bild wurde 1979 gemalt.

Propheten werden gewöhnlicherweise nicht ernst genommen. Denn sie kündigen Veränderungen an, von denen keiner etwas wissen will.

Auch „Aids" hat Mutwa gestaltet, lange bevor die Krankheit bekannt wurde. Angst und Aids sind bei ihm als Einheit dargestellt, die Skulptur steht da unter einem Baum: Ein bisschen Nikki de Saint Phalle, nur viel unscheinbarer, man kann auf dem Spaziergang einfach daran vorbeigehen.

Marullas Kinderheim liegt südlich von Johannesburg auf dem Land. Überall brennen kleine Feuer das Gras nieder, um die Erde wieder fruchtbar zu machen. Kohlschwarze Flächen zwischen rotgelben Felder, Eukalyptusbäume, Blechhütten. Unser Auto ruckelt über den steinigen Feldweg, an Stacheldrähten entlang, und da ist das Schild: TLC – The Love of Christ Ministries. Das Heim, das 1993 von Thea Jarvis gegründet wurde, ist ein „Glaubenswagnis": Es lebt von Spenden. Der Staat gibt keinen Pfennig für diese Kinder, von denen die meisten aus dem Baragwanath Hospital, dem drittgrößten der Welt, hierher gebracht werden. Denn wohin sonst mit ihnen? Die meisten haben niemanden. Sie lagen einfach da, auf dem Feld, in öffentlichen Toiletten, Mülleimern. Oder wurden nach der Entbindung im Hospital zurückgelassen. Jetzt werden sie hier von jugendlichen Volunteers versorgt und warten auf den größten Umtausch ihres Lebens: Sie tauschen ihre Nicht-Eltern ein gegen Adoptiveltern aus Dänemark, Holland, Österreich. Deutschland ist inzwischen nicht mehr dabei.

„Unsere Kinder prahlen und rivalisieren damit, wer die schlimmste Herkunftsgeschichte vorzuweisen hat", erzählt Thea Jarvis. „Das ist ihre Weise, damit klarzukommen."

Sie selbst hat fünf leibliche Kindern und 19 adoptiert. Die beiden Söhne, die sie vor 20 Jahren als elende Würmchen aus einem Hospital einfach mit nach Hause genommen hat, sind inzwischen exzellente Studenten der Jura und Soziologie. Der Wechsel der Existenz – ihnen ist er gelungen.

Vor einiger Zeit konnte TLC eine Farm in der Nachbarschaft kaufen. Jetzt gibt es Hühner, Schweine und Ziegen, und zweimal in der Woche kommt chicken aus eigener Schlachtung auf den Tisch. Dienstags kriegt das Heim die abgelaufenen Lebensmittel eines Supermarkts.

Heute duften Rosen in Hülle und Fülle in den Räumen, eine Spende von Woolworth.

Erstaunlich ruhig ist es hier, wo so viele Kinder herumlaufen und –krabbeln. Der Tag ist klar strukturiert, die Mitarbeiter setzen sich mit Schwung und Herz für die Kinder ein, die ihnen anvertraut sind. Sie kommen aus aller Welt, aus Holland, Österreich, England, Korea, Kanada, Deutschland. Eine 60Jährige verbringt mit ihrer Tochter jedes Jahr den ganzen August bei TLC. Gebraucht wird jeder, denn es gibt unendlich viel zu tun! Fast 40 Kleine wollen täglich gebadet, gepflegt, gewiegt werden und geknuddelt, das vor allem. Wo haben Zwanzigjährige sonst eine so große Verantwortung und Chance, ohne dass ihnen jemand auf die Finger guckt? Christine aus Heidelberg ist nach dem Abitur hergekommen und kümmert sich um die zehn Neugeborenen, als sei sie geübte Krankenschwester. Sie hält einen Winzling im Arm, gibt ihm die Milchflasche und hält dabei mit den Füßen zwei Babies in ihren Wippen in Bewegung. Sie will Sozialpädagogik studieren. Das Fundament für ihr Studium legt sie hier.

An der Tür zu den Krabbelkindern hängt ein Zettel:

"Take what ever you need and use it!" Darunter eine Auswahl zum Abreißen und Mitnehmen: Patience, Forgiveness, Pity, Love, Mercy ...

Die guten Eigenschaften stehen jedem zur Verfügung, bitte schön, man muss sich ihrer nur bedienen – sie versprechen Verwandlung.

Auch in den Gemeinschaftsräumen hängen Tafeln mit Bibelworten, Aufzählungen von christlichen Tugenden. Wie auf einem Schaubild für das Management einer Firma sind sie in Kästen und Kreisen einander zugeordnet – damit die Mitarbeiter vor Augen haben, worum es hier geht, und sich dabei immer wieder ihrer eigenen Motivation versichern können.

„Diese gewaltige Aufgabe", erklärt uns Thea Jarvis, „lässt sich nur bewältigen durch die radikale Unterordnung unter christliche Werte in bezug auf alles: Finanzen, persönlichen Besitz, Zeit, Beziehungen. Anders geht es immer auf Kosten der Kinder."

Hingabe statt Egoismus – ein notwendiger Tausch.

Ihr Ehemann hat sie vor Jahren wegen einer jungen Voluntärin verlassen. Die Last der Verantwortung trägt sie jetzt gemeinsam mit ihren beiden Töchtern Pippa und Joana. Auch Joanas Mann hat die Flucht ergriffen.

Denn nicht jeder macht den Wandel mit. Am deutlichsten wird das auf dem Land in der Provinz KwaZulu-Natal, rund um Paulpietersburg. Hier stehen noch die uralten stores: Dunkle, altmodische Läden des Landhandels, seit 100 Jahren unverändert. Im store von Lüneburg, einer kleinen deutschen Gemeinde, ragen sogar noch die Holzregale zur Decke, die mein Urgroßvater getischlert hat. Und noch immer gibt es zwei getrennte Eingänge zu zwei getrennten Ladenräumen: Einen für die Weißen, einen für die Schwarzen. Das scheint hier niemanden zu stören, es wurde einfach nur nicht geändert. Die Waren sind in beiden dieselben: Omo-Waschmittel, Zahnpasta, Seife, Bonbons, Maismehl, Shampoo, selbstgemachte Marmelade, Werkzeug. Und ganz wichtig draußen die einzige Zapfsäule, an der die Farmer der Gegend tanken. Auch sie steht dort seit 70 Jahren.

Mitten in der Pampa stoßen wir auf eine deutsche Fleischerei. Das Geschäft boomt. Deutsch geschlachtetes Fleisch ist so beliebt wie das deutsche Brot, mit dem ein Bäcker in Kapstadt Millionär wurde. Meilenweit fahren die Leute von überall her, um hier ihr Grillfleisch zu holen. Die Frau an der Kasse heißt Gudrun und duzt uns. Verwandt sind die Deutschen hier sowieso alle irgendwie.

Auf dem Friedhof von Elandskraal liegen sie begraben, Marullas eingetauschte Vorfahren, die Familien des Missionars. „Umfundisi wetu" steht auf seinem Grabkreuz: Unser lieber Lehrer. Er predigte in zwei Kirchen, in einer für die Weißen und in einer für die Schwarzen. Die für die Weißen war aus weißem Stein, die für die Schwarzen aus schwarzem. Solcher Absurdität muss Marulla jetzt nicht mehr begegnen.

Zu zeigen, wie scharf das Messer der Apartheid gewesen ist, vermag allein die Sprache. Eine Farmersfrau, bei der wir wegen einer Übernachtung anfragen, hat mitbekommen, dass Marulla adoptiert und schwarz ist. „Das macht nichts", sagt sie, „sie kann trotzdem hier schlafen." Das sind Worte, die vom Tausch noch zittern.

Die Nachfahren des Umfundisi haben berufliche Häutungen vollzogen. Mein Onkel F. war vor der „Wende" 1994 Besitzer einer Bekleidungsfirma. Er hatte 1000 Angestellte und war vermögend. Aber dann ging „das" nicht mehr weiter. Daraufhin ist er Geigenbauer geworden und samstags verkauft er mit seiner Frau selbstgebackenen Kuchen vor einem Shopping Center in Pretoria. Neben seinem Sofa stehen Kartons voller Nüsse und Backzutaten. „Dies ist kein Wohnhaus", sagt er mit verschmitztem Stolz, „es ist eine Fabrik." Mein Onkel B. arbeitete als Deutschlehrer und fuhr zeitweise noch mit dem Bakkie über Land, um Hundefutter zu verkaufen, weil das Geld nicht langte.

Wer zur Veränderung bereit ist, wird kreativ.

Wie der Mann von der „Waggiedoggie-Firma": Er holt mit seinem Auto Hunde ab, badet und frisiert sie und bringt sie hübsch gestylt wieder zu ihren Besitzern zurück.

Oder wie die Frau in Paulpietersburg, in deren Haus wir durch ein Schild am Gartenzaun gelockt werden: Pfannkuchen. Aber auch Abend- und Brautkleider, Blusen, Seidenschals kann man bei ihr erstehen. Während wir essen, sitzt sie neben uns an der Nähmaschine, umgeben von Kleiderständern. Da hängen die Teile, schick, teuer und von Fett-Schwaden durchzogen.

Hochdynamisch ist dieses Südafrika und auf geradezu explosive Weise unkonventionell. Das mag auch daran liegen, dass Schwarze sich nicht uniformieren lassen. Natürlich tragen auch sie Uniformen, z.B. als Sicherheits- oder Bankangestellte. Aber das hindert sie nicht daran, in ihrer Mittagspause ausgestreckt auf einem Grasstück an einer Kreuzung zu schlafen, mit weit geöffneten Armen, während um sie herum der Verkehr braust.

Südafrikas Landschaften sind ein so ungeheures Erlebnis, das jeden Menschen, ob Einwohner oder Tourist, auf der Stelle in Beschlag nimmt, und zwar so vollkommen, wie nur Natur es vermag. So scheinen die südafrikanischen Kleinstädte alle den Versuch der Selbstbehauptung erst gar nicht zu unternehmen: mit allem, was sie sind, haben sie nur die eine Chance, nämlich dem Giganten zu Füßen zu liegen, dieser durch und durch herrlichen Natur, einem Souverän, der alles beherrscht, als sei er der Schöpfergott selbst.

Die Häuser in Pongola, Greytown, Dundee und Pomeroy stehen auf den Feldern und Hügeln wie nebenbei verstreute Körner, die jemand verloren hat, die aber jetzt wider Erwarten genug Boden haben, um zu einer Art Halm zu werden, zu einer Lebensgrundlage, einer Rundhütte, einem kleinen Haus oder einem Laden für Omo, Cola, Maismehl und Kaugummi. Es ist die schlichte Lebensnotwendigkeit, die die Kultur der Ortschaften bestimmt. Tankstellen werden gebraucht, damit der Kleinbus fahren kann, Märkte sind da, weil Gemüse und Obst da sind, Schulen, weil Kinder hier leben, Kleider hängen zum Verkauf, nicht weil sie schön sind und etwas hermachen, sondern billig genug, um Käufer zu finden. Die Türen der Bars stehen offen, drinnen ist es stockdunkel, und am hellichten Tag drängen sich die arbeitslosen Männer um die Bar und an den Tischen, debattierend, lachend, während ohrenbetäubend laute Musik die Stimmung aufpeitscht. Die Kirchen stehen mit ihren strengen Türmen weiß und reizlos in der Sonne, auf Plätzen, die ordentlich gepflastert sind, sie wirken ungewöhnlich gepflegt und ungenutzt, was täuscht. Es ist nur der Unterschied zu den übrigen Straßenverhältnissen, der diesen Eindruck vermittelt: das kribbelige unruhige Treiben ringsum, die Fülle von Autos, Kleinlastern, Taxibussen, orientierungslosen Ziegen, auf dem Gehweg sitzenden Frauen, Händlern und Schulkindern in Uniform.

Aber was hier auch immer geschieht, die Kämpfe um Existenz und Zukunft werden vor einem riesigen Panorama ausgefochten, einer himmelweiten Naturwelt, deren Hügelkuppen, Grasebenen und Berge ununterbrochen Platz zu schaffen scheinen. Der Eindruck totaler Uneingeschränktheit, der dem Autofahrer rings umgibt, diese Großartigkeit der südafrikanischen Landstriche, die den Blick weiter und noch weiter führen, weil der Horizont sich immer hinter der äußersten Ferne verbirgt : das macht sprachlos, superlativ stumm.

Die einzigen, die hier mithalten können, als ginge es nur um sie, sind die Tiere, die in ihren Reservaten leben und alles Zoo-artige einfach nicht kennen. Das Bewusstsein des Touristen, ein Tier in Afrika zu beobachten, geht unmittelbar in Staunen über, weil sofort klar wird, wie uneigentlich und unrechtmäßig man als Mensch diesen winzigen Standort einnimmt, hier im Busch, gegenüber dem Gnu oder gegenüber dem Löwen, der sich stolz und sehr langsam erhebt und gelangweilt dem Jeep aus dem Weg geht. Von den Safari-Guides wird jedem befohlen, während der Tour im Busch nicht zu sprechen, und es versteht sich von selbst, dass das menschliche Sprechen hier nichts gelten kann, denn die Geräusche und Laute der Tiere wollen erlauscht werden, (wenn man denn schon hier ist, wo man nicht hingehört). Das Knacken von trockenen Zweigen, wenn eine Antilope rasch im Gebüsch verschwindet, der kleine gellende Schrei eines Hadeedah, das Auftreten der Giraffenhufen auf dem Sandboden, das leise Rascheln des Federkleids beim Balz-Tanz zweier eleganter Vogelstrauße, das Huschen der zierlichen Impalas, das Brechen von Ästen, wenn die Elefanten mit ihren Rüsseln in den Baumkronen spielen, das unendlich gelassene, völlig ungierige Grasen der Nashörner, die näher und näher kommen und uns dann anstarren, ihre kleinen Ohren bewegen, rätselnd, was - um Himmels willen: was! - wir im Jeep denn darstellen. Um ehrlich zu sein, nichts, was sie wirklich beeindrucken könnte. Ein Schemen. Man geht an uns vorbei.

Am Jabula Beach, dem schönen Strand von Cape Vidal an der Ostküste des Indischen Ozeans, hocken die Meerkatzen, immer bereit, die Taschen ahnungsloser Besucher zu plündern. Eine ganz kleine gewitzte schafft es, unsere große Papaya zu schnappen, noch ehe wir sie fortjagen können.

Aber was ist so ein Äffchen gegen ein ausgewachsenes Hippo! Lesley, unsere Gastgeberin in St. Lucia, dem subtropischen Städtchen am Krokodil-reichen Lake Lucia, spricht gleich am ersten Abend große Worte gelassen aus: Nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf den Straßen herumlaufen, auch nicht in der Innenstadt. Warum? Kriminalität? Nein, sie winkt ab, die haben wir hier in St. Lucia nicht. Aber die Hippos kommen. Sie verlassen ihren Fluss und kommen in die Stadt hinein zum Grasen. Sie sind Vegetarier, man muss also keine Angst haben, gefressen zu werden, das nicht, aber man sollte ihnen unbedingt den Vortritt lassen, in jedem Fall. Einfach grasen lassen, weiterfahren, ganz ruhig bleiben, niemals hupen, geschweige denn aus dem Wagen steigen, um ein Foto zu machen, niemals. Wenn man sie in Ruhe lässt, sind sie harmlos wie Kühe. Aber wer sie nur ein wenig puscht, ärgert oder aus Versehen berührt, hat großes Pech. Hippo-großes Pech. Ein Hippo knackt ein Krokodil entzwei wie ein Streichholz. Es ist das gefährlichste Tier der Welt, denn ein Hippo beißt zu mit der Kraft eines LKW. Auf ihren kleinen Watschelbeinen, die so albern vom wuchtigen Leib herunterhängen, können sie 44 Stundenkilometer rennen. Ziemlich hurtig für so einen Koloss. Die meisten durch Tiere in Afrika verursachten Todesfälle von Menschen passieren nicht mit Löwen, sondern mit Hippos.

Gut zu wissen, denken wir auf unserer Fahrt zum Restaurant in der City von St. Lucia.

Auf dem Heimweg biegen wir in das Wohngebiet, in dem sich Lesleys B&B befindet. Eine ruhige, gepflegte Gegend, große ungezäunte Grundstücke umgeben die Häuser, die jetzt in der früh einbrechenden Dunkelheit daliegen. Gehwege gibt es nicht, stattdessen breite Rasenflächen, die tagsüber von Schwarzen geharkt werden. Große Bäume strecken ihr schirmartiges Geäst weit aus, manche blutrot blühend, andere kahl, denn noch ist Winter, und das bedeutet hier an der Küste nur 28 Grad statt 38 wie immer Sommer, bei stets lauwarmen Winden und so großer Luftfeuchtigkeit, dass die Badehandtücher nie trocknen.

Da! Rechts am Straßenrand – ein großes Hippo. Das Tier hält seinen monumentalen Kopf nah am Grasboden und wirkt ruhig und zufrieden. Es beachtet uns nicht, wie wir so unsichtbar und geräuschlos wie möglich an ihm vorbeirollen. Unsere Einfahrt ist erst weiter unten in der Straße, aber was machen die Leute, wenn sie in dem Haus genau hier leben und jetzt aussteigen wollen? Warten, bis das Hippo satt ist und zurück zum Fluss schlendert? Das ist immer so gegen 2 Uhr morgens, hat Lesley erzählt.

Ein Stück weiter treffen wir ein zweites Hippo. Nachts im Wohnviertel neben einer stinknormalen Garageneinfahrt ist ein solches Wesen etwas ganz anders als tagsüber am Fluss bei der Bootsfahrt für neugierige Touristen. Ein unwirkliches Urvieh. Aber wer sind dann wir? Aufgelöst in Faszination. Es ist so schwer zu glauben, dass ein paar Meter weiter gerade der Fernseher läuft, während hier dieses ausgewachsene Flusspferd unbeirrt den schönen englischen Rasen abnagt. Mit der Selbstverständlichkeit des Ureinwohners. Ich war zuerst hier, weiß dieses Tier, hier ist Hippo-Land. Und die Leute von St. Lucia wissen das auch. Sie fügen sich in die Natur, nehmen Rücksicht. Man geht eben abends nicht spazieren, joggen, Fahrrad fahren, mal eben schnell Zigaretten holen.

Natürlich gibt es immer wieder jene Zwischenfälle, die vor allem deshalb so gern weitererzählt werden, weil sie sowohl beim Zuhörer als auch beim Erzähler selbst den Schauder der uralten Ehrfurcht vor der Natur hervorzuholen vermögen. Die Geschichte, die gerade in St. Lucia die Runde macht, handelt von dem Mann, der abends noch schnell seine Toreinfahrt sauber kehren wollte und dabei mit dem Besen gegen etwas Größeres stieß, das bei näherem Hinsehen doch kein Abfalleimer war, sondern ein Hippo. Dieses fühlte sich vom Besen beim Abendessen gestört und biss dem Mann kurzerhand ein Bein ab, ließ das Bein links liegen, den Mann ebenso, und graste weiter, bis der Rettungswagen kam. Der Mann bekam von der Gemeinde eine Benefizveranstaltung, damit er sich eine gute Prothese kaufen konnte. Denn er ist der erste Mensch der Welt, der den Angriff und Biss eines Hippos nur mit einem Bein, nicht mit dem Leben bezahlen musste. Prothese gegen Bein. Beim Tauschen geht es oft um Leben oder Tod.

Als wir beim Abschied in Pretoria schon draußen beim Auto stehen, kommt meine Tante aufgebracht herausgelaufen.

„Warum habt ihr eure Betten nicht abgezogen? Das macht die Anna nicht! Sie ist dafür nicht zuständig. Es ist hier nicht mehr so wie früher. Die Schwarzen machen nicht mehr alles."

Da bricht es aus ihr heraus, das heiße Eisen dieses ständig gegenwärtigen Themas.

„Und mein Bruder ist unmöglich", faucht sie. „Er lässt seine Schwarze immer noch die Koffer zum Auto tragen. So etwas darf man nie mehr tun!"

Das ist es, was sie uns sagen will: Hier hat sich alles verändert. Habt ihr das gemerkt?

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