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Tanja Jeschke

jetzt unter Vertrag bei der

Literarischen Agentur

Antas Bindermann Listau. Wir wünschen ihr viel Erfolg für die Vermittlung

ihres neuen Romans!

Auf der

Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet mit dem

Christlichen Buchpreis 2015

 

Tanja Jeschke

Die große Bibel für Kinder

Illustriert von

Marijke ten Cate

Deutsche Bibelgesellschaft

Stuttgart 2012

ISBN 978-3-438-04070-1

288 Seiten; 22,99 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kind fliegt davon

Roman. Edition Voss im Horlemann Verlag, Berlin 2011

 

I

Greta öffnete die Wohnungstür und rannte voraus. Sie hatte den Schlüsselbund in der Hand und ließ ihn wild klingeln, am hoch hinauf- und vorgereckten Arm, ich bin eine Mäuseverscheucherin, dachte sie und sah eine ganze Meute vor sich die Treppe runter Reißaus nehmen, verschreckte Wesen, die links und rechts unter dem Treppenabsatz verschwanden, bei den Fahrrädern der Seminaristen.

Der Vater kam hinterher, die Noten unter dem Arm. Greta stemmte gerade noch allein die Haustür untenauf, da stand er schon bei ihr und hielt die Tür und Greta entwischte ihm wieder und rannte weiter. Überall Sonne, sie lagerte träge und stur auf den Steinplatten des Hofs,nur an manchen Stellen gab es herrliche dunkle Tupfer aus Schatten, manche bewegten sich und flirrten, andere waren fest geformt. Greta lief mitten hindurch, mit geschlossenen Augen, und ließ dabei das Licht auf den Lidern spielen, schüttelte die Schlüssel und war jetzt Nachtwächterin, die ihre Laterne hoch hielt, die Laterne waren die Schlüssel, und jetzt stieß sie mit der Laterne gegen die Kirchentür und war angelangt.

Sie drehte sich um und lehnte sich an die Tür, das Herz klopfte laut hinten durch den Rücken dagegen. Sie hielt sich den großen kühlen Kirchtürschlüssel wie einen Schnurrbart unter die Nase, damit er den Schweiß abfing, der herunterlief, und blinzelte. Dort ging der Vater langsam über den Hof in ihre Richtung. Hinter ihm öffnete sich in diesem Moment das große Tor in der Mauer und Hanno kam von der Schule. Durch den Spalt im Tor war die unendliche Straße zu sehen, Autos, Busse, Menschen. Das war die Stadt. Pretoria war das. Hanno schloss das Tor. Pretoria blieb draußen und machte Geräusche, die wie immer über die lange Mauer schwappten. Die Mauer umgab den ganzen Hof des Seminars und der Kirche und war weiß und mit einer grellroten Pflanze bewachsen, aus der winzige Vögel aufflogen, als Hanno dem Tor mit dem Fuß einen Tritt versetzte, damit es richtig zugerammt blieb. Der Vater drehte sich zu Hanno um. Da kam die Mutter aus dem Haus. Sie hatte die blauen Hochhackigen an, die bei jedem Schritt die Steinplatten mit kleinen unsichtbaren Perlen bestückten, ein Perlengeräusch, das irgendwie stärker war als das von Pretoria draußen vor dem Tor, obwohl es, wie Greta fand, sich doch viel kleiner anhörte.

Ich geh schnell zur Post! rief die Mutter und winkte dem Vater und Greta zu und blieb dann bei Hanno stehen, um ihm irgendetwas zu sagen. Was, konnte Greta nicht verstehen, aber sie winkte zurück und sah dann, wie die Mutter, während sie mit Hanno sprach, die Klinke des Tors herunterdrückte und wie sie bei den letzten Worten bereits halb draußen auf der Straße war und wie Hanno schon gar nicht mehr hinhörte, sondern über den Hof zur Haustür ging, am Vater vorbei, der jetzt seinen Weg zur Kirchentür fortsetzte.

Greta steckte den Schlüssel ins Schloss und ließ ihn knirschen, bis die Tür aufsprang. Ihre Barfüße merkten es als erste: dass man hier erlöst wurde. Der Boden war kalt, die halbdunkle Luft kühl und von einer immergleichen Ruhe erfüllt, Greta tauchte ganz ein wie in frisches Wasser und schwamm zur Treppe hinüber, die auf die Empore führte.

Oben rutschte sie auf die Orgelbank und saß vor den großen blanken Orgelpfeifen, die sich rechts und links, nach oben und unten ausbreiteten. Der Vater war jetzt beider Treppe angelangt. Greta hörte, wie er gleichdie Stufen knarren ließ. Sie legte den Kopf so weit in den Nacken wie möglich, um Tolko und Belinda und Röschen und Glotzauge zu sehen, die kleinen Engel, die ganz oben in der Mitte der Kirche die gewölbte Decke an einer grünen Kugel zusammenhielten. Sie waren bunt und geschnitzt, aber doch echt, das sah man ihren Augen an, die immer zu Greta hinblickten, nur Glotzauge nicht, Glotzauge war Hannos spezieller Engel, Hanno sagte, der glotzt nur mich an, deswegen hatte er ihn so genannt.

Natürlich gab es noch viel mehr Engel in der Kirche, sie hatten sich überall an der Decke und vorn beim Altar und über der Kanzel verteilt, alle unsichtbar, sogar hier oben in der Nähe der Orgel drängten sich zwei in die Ecke, aber das waren nur die Heerscharen. Sie ließen sich leicht regieren, der Vater musste nurorgeln, und das würde er gleich tun, da kam er schon durch die Tür und sagte: Dann lass uns mal beginnen!

Beginnen war zur Seite rücken, dem Vater Platz neben sich machen, die Orgel aufschließen, beginnen war staunen über die Pracht der Register, die Klänge wählen und dann ziehen, die Knöpfe drücken, damit die Pfeifen Luft bekamen für die Töne, beginnen war die Beine baumeln lassen über dem Holzmeer der Fußtasten da unten, auf dem der Vater hin- und hergehen konnte wie Jesus auf dem Wasser, während er neben ihr saß, und das vor allem war beginnen.

Denn was jetzt anfing, war jedes Mal neu, und Greta, wenn sie neben ihm auf der Orgelbank saß, kam es so vor, als sei sie erst jetzt plötzlich Greta, erst jetzt hier, wo der Vater anfing, und vorher, draußen in der Hitze mit den Geräuschen von Pretoria, sei sie noch gar nicht Greta gewesen, sondern etwas anderes, vielleicht so etwas wie schmelzendes Waffeleis in der Hand, auch wenn sie es gewesen war, die mit den Schlüsseln geklingelt hatte.

Der Vater legte seine Finger auf die Tasten und spielte. Die Hände liefen den Fingern hinterher und die Finger den Händen, auch die Füße machten sich auf den Weg. Greta saß ganz am Rand der Bank und hielt so still es ging, denn wenn sie den Vater in Ruhe üben ließ, würde er sie irgendwann in sein Boot steigen lassen. Darauf wartete sie und mit ihr Tolko, Röschen, Belinda und Glotzauge, das wusste sie. Sie hielten die grüne Kugel und warteten auf diese Kopfbewegung des Vaters, einmal Kinn nach oben, dann Kinn nach ganz unten – und hopp, Greta mit ins Boot.

Er spielte ein langes Stück, ein schnelles. Die Töne rannten in der ganzen Kirche herum und weinten. Dann sammelte der Vater sie alle wieder ein – und da: das Kinn ging nach oben, Greta rutschte im Nu zu ihm hinüber, das Kinn ging nach unten, und Greta saß auf seinem Schoß im Boot und legte ihre Hände auf die Ruder, das waren seine Hände.

Sie spielten zusammen. Greta sah ihren Händen zu, wie sie hin- und herhuschten, wie sie wackelten und ruhten. Wie sie die ganze Kirche mit Klang erfüllten, der immer stärker zu werden schien. Belinda, Tolko, Röschen und Glotzauge, auch wenn der allein Hannos Engel war, würden sich ducken müssen unter diesen Tönen, die daherkamen mit solcher Kraft. Sie würden oben nicht mehr die Kugel halten können, vielleicht, die Kugel würde dann herunterfallen und mit ihr das ganze Dach und alles. Es mussten deshalb Töne sein, die selbst die Kugel hielten, die so beschaffen waren, dass die Kugel blieb, wo sie war, weil sie sich gar nicht getraute, einfach herabzufallen. Und es waren solche Töne, genau solche waren es, gewaltige wunderbare starke Töne, die Greta mit dem Vater in die Luft malte. Sie regierten die Heerscharen. Es war ein Jubel. Die Orgel brummte zufrieden wie ein Bär.

Jetzthörte Greta, wie der Vater zu singen anfing. Leise, mit halb geöffneten Lippen.

Dein Lieb und Treu vor allem geht, / kein Ding auf Erd so fest besteht, / das muss ich frei bekennen, sang er, und die Orgel besann sich gleich unter ihren Fingern, wurde zur Flöte, ihr reichten jetzt einzelne Töne, die sie mit gespitztem Mund hinauspfiff.

Im nächsten Augenblick aber ging ein Beben durch sie hindurch, undGretas Finger zuckten erschrocken,bis sie verstand, dass der Vater die gefährlichen Register gezogen hatte, so rasch, dass Gretas Hand für einen Moment irgendwohin verrutscht war, aber gleich lag sie wieder auf der Hand des Vaters und griff mit ihm in die Tasten, als wollten sie beide die Orgel bezwingen, als wollten sie mit beiden Händen in Erde wühlen, um etwas daraus hervorzuholen, das tief vergraben war.

Drum soll nicht Tod, / sang der Vater, seine Stimme heiser, sturmbedroht, die Orgel ein harter riesiger Klang, der eine Mauer erstehen ließ, kaum dass er da war, nicht Angst, nicht Not / sang er, während die Orgel immer mehr und mehr drohte, / von deiner Lieb mich tren-nen.

Die Finger des Vaters hatten noch nicht gefunden, was sie wollten. Die Töne verklangen nicht, der Vater fing gleich noch einmal von vorn an. Gretas Finger spielten mit. Sie drehte den Kopf weit, um den Vater zu sehen. Sie sah sein Gesicht ganz nah bei sich, sein vorgerecktes Kinn schabte ein bisschen an ihrem, seine Nase, aus der Haare hervorguckten, und da seine Augen. Greta sah, während sie ruderten und sich durch das gewaltige Wellenmeer der Orgel kämpften, die Töne schlug wie ein Orkan und dröhnte, sie sah in den Augen des Vaters etwas Dunkles, etwas Ungewisses, das immer tiefer und schwärzer wurde, je länger sie hineinschaute.

Er weiß es gar nicht, dachte Greta, er singt es nur.

Und als sie ihren Kopf jetzt weit nach hinten neigte, um an der Schulter des Vaters vorbei die vier da oben zu sehen, ihr Lieblingsröschen, Tolko, Belinda, Glotzauge, da merkte sie denen an, dass die auch zitterten, sie wussten es auch nicht so genau, sie hielten die Kugel nur so.

Die Kirche begann zu frieren, sie bekam Gänsehaut, Greta auch. Sie nahm ihre Hände vom Ruder und verbarg ihren Kopf irgendwo im Boot in der Nähe vom Vaterhals. Dort summte und vibrierte es. Der Adamsapfel ging hoch und runter, er war der Hebel, der das Lied an- und ausstellen konnte. Das Lied vom Tren-nen war noch immer in Gang. Der Vater spielte es jetzt ohne Greta, er war allein, Greta hatte seine Finger verlassen.

In diesem Augenblick hörte alles auf. Die Orgel war still, das Zittern verschwand, Greta hörte den Vater schlucken, hob den Kopf und schaute über den Bootsrand, vorsichtig, duckte sich aber gleich wieder, denn jetzt begann der Vater von Neuem. Er spielte etwas anderes. Es war ein tiefes ruhiges Lied, er flüsterte es bloß:

Heiliger Herre Gott, / heiliger starker Gott, / heiliger barmherziger Heiland / du ewiger Gott: lass uns nicht versinken / in des bittern Todes Not, flüsterte der Vater so leise, dass Greta rasch aufblickte, um nachzusehen, ob es dieses Mal stimmte, was er sang, oder ob er doch versunken war. Sie konnte aber nicht sehen, ob er versunken war oder nicht. Er war da, im Boot dabei, aber seine Augen hatten die Lider geschlossen und da war es Greta unmöglich zu wissen, wo der Vater wirklich war, die Lider waren wie Falltüren, wie die Falltüren von Hannos Ritterburg. Die Ritter ließen sie herunter, wenn die Burg umzingelt war. Der Vater war umzingelt. Vom Bitterntod umzingelt, und Greta auf seinem Schoss mit ihm. Sie wusste nicht genau, wer der Bitterntod war. Aber sie wartete jetzt mit dem Vater zusammen auf das, was kommen würde.

Der Vater griff in die Tasten, er griff fest zu und Greta merkte gleich, jetzt hatte er es. Endlich hatte er es.

Kyrie eleison, sang er.

Greta rutschte von der Bank und sagte, ich geh schon!

Kyrie eleison, ja, ich komme gleich nach, sagte der Vater und nickte.

Greta rannte die Treppe hinunter und hinaus in die heiße Sonne.

Der Hof lag leer in der Hitze. Die Seminaristen waren nachmittags immer faul und ließen sich kaum blicken. Sie kamen erst hervor, wenn die Schatten länger wurden. Dann schlenderten sie in kleinen Grüppchen über den Hof und durch das Tor, schlugen sich auf die Schultern, lärmten und freuten sich auf irgendetwas, das sie draußen in Pretoria erwartete. Wenn Greta im Hof spielte, machten sie Späße mit ihr, Greta fand das herrlich, sie liebte sie alle dafür. Wenn sie dann verschwunden waren, glänzte der Hof noch lange, als hätte jemand einen Eimer Wasser ausgegossen, mit Schwung ausgegossen.

Der Vater spielte noch immer Orgel. Die Klänge drangen durch die Kirchenmauern hinaus. Greta hüpfte zum Haus hinüber. Die Haustür stand weit offen. Die Wohnungstür auch. In der Küche redete jemand sehr sehr schnell, das war das Radio, Hanno hatte das Radio angemacht, er saß im Schneidersitz auf dem Tisch und knabberte an einem Stück Salami. Seine Fußsohlen waren schwarz. Greta lachte und zeigte darauf. Hanno grinste. Greta wollte auch Salami. Sie öffnete den Kühlschrank, fand aber keine, drehte sich zu Hanno um und sagte, Ich will auch welche, Hanno sagte, Pech, dies ist das letzte Stück, und schob sich den Rest in den Mund.

Greta nahm einen Kochlöffel, um Hanno auf die schwarzen Füße zu schlagen, da kam der Vater herein und scheuchte Hanno vom Tisch. Greta legte den Kochlöffel weg, sie wollte, dass Hanno mit ihr spielte. Aber er nahm sich ein Comic-Heft, das auf der Fensterbank lag und ging damit ins Wohnzimmer, wo er sich in den Sessel schmiss, die Stirn runzelte und in dem Heft blätterte.

Als Greta aus dem Küchenfenster schaute, ging gerade das Tor in der Mauer auf. Die Mutter kam zurück. Undsie hatte jemanden mitgebracht, eine Frau ging hinter ihr. Sie trug einen großen Rucksack und redete mit der Mutter, was, konnte Greta nicht verstehen, aber sie redete viel und die Mutter auch, ihre Münder machten viele kleine Bewegungen und ihre Gesichter auch. Sie nickten oft, man sah ihnen an, wie sehr sie einverstanden waren, während sie über den Hof gingen.

Wer war denn das, wer war denn das? Greta rannte in den Flur, gleich mussten sie hier sein. Sie stand da und wartete auf die Geschichte.

Die Frau, die die Mutter mitbrachte, hatte ein ganz neuesGesicht. Sie trug eine Brille, deren Gläser überdacht waren von dicken Augenbrauen. Die Augen hinter den Gläsern waren stark vergrößert. Sie hatte einen lachenden Mund und eine Reihe schöner Zähne, einer war aus Gold. Und dass sie Deutsch sprach, fiel Greta sofort auf.

Das ist Frau Mühle, sagte die Mutter, stellt euch vor, sie kommt aus Paderborn!

Da war die Geschichte. Mit Paderborn fing sie an, weil das, wie Greta hörte, nach Deutschland klang. Die Mutter sagte das Wort, als sei Paderborn etwas direkt von Gott. Sie sagte es sehr glücklich, sie packte das Wort aus, wie man etwas aus dem Geschenkpapier herausnimmt und dann mit offenem Mund feststellt, wie wundervoll das ist, wie vollkommen überraschend.

Greta starrte die Frau an. Von dort kam sie, genau von dort, und jetzt war sie hier und stellte ihren schweren Rucksack mit einem kleinen Ächzen ab und sagte: Guten Tag.

Die Mutter wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn, zog die blauen Hochhackigen aus und winkte Frau Mühle, ihr ins Badezimmer zu folgen, wo sie sich die Hände wuschen. Der Vater, der aus der Küche gekommen war, stand vor dem Flurspiegel und schaute sich von der Seite an. Greta wartete darauf, dass die Geschichte weiterging. Die Mutter und Frau Mühle redeten irgendetwas im Badezimmer, dann gingen sie in die Küche, Greta ihnen hinterher, der Vater Greta hinterher, die Mutter sagte: Setzen Sie sich doch, und Frau Mühle setzte sich auf einen Küchenstuhl. Der Vater blieb am Fenster stehen. Die Mutter fing an, Gemüse zu putzen.

Hanno kam aus dem Wohnzimmer und guckte, wer da war. Greta sagte: Sie kommt aus Paderborn! Sie hatte das Gefühl, Hanno in Erstaunen zu versetzen, es war aufregend, und sie lehnte sich an den Kühlschrank wie jemand, der noch mehr von solchen Überraschungen parat hat.

Frau Mühle lächelte in die Runde und trank mit spitzen Lippen ein paar Schlucke von dem Wasser, das die Mutter ihr hingestellt hatte.

Ich bin zur Post gegangen, und da stand Frau Mühle, erzählte die Mutter, sie hat gerade den Schalterbeamten gefragt, wo es ein Quartier gibt, in dem auch Deutsch gesprochen wird. Das habe ich mit angehört und habe ihr angeboten, bei uns zu übernachten.

Sie schnitt jetzt mit einem Messer Karotten klein. Die orangen Scheiben rollten über das Holzbrett und den Tisch und blieben liegen wie Goldtaler, die aus einer übervollen Schatztruhe hervorgequollen waren, die Hand der Mutter war rasch und geschickt, sie bewegte sich im Glück der Geschichte. Es war das Glück der Frau Mühle, die jetzt nicht in irgendeinem finsteren Quartier in Pretoria übernachten musste, sondern hier bei ihnen. Hier würde sie ein frisches Bett bekommen und eine gute Suppe. Sie würde hinterher sagen können: wie gut ich es hatte! Frau Mühles Glück war das Glück der Mutter. Sie war erfüllt davon, in eine solche Postamts-Szenerie hineingeraten zu sein und die Rädchen einer kleinen Geschichte in eine andere Richtung gedreht zu haben, in eine viel bessere, dorthin, wo sie war und Glück bringen konnte. Die Karottenscheiben waren Rädchen, die sich anders drehten, weil die Mutter eingeschritten war. Es waren Glücksrädchen. Man musste Glücksrädchen drehen, das war es, was Greta der Mutter ansah. Ihre Locken zitterten beim Gemüseschneiden und Erzählen, und als sie aufstand, um Zwiebeln zu holen, sah sie in ihrem braunen ärmellosen Cordanzug sehr schön aus, nämlich frei und leicht wie jemand, der fliegt.

Der Vater nahm sich einen Apfel aus der Schale auf der Fensterbank und biss hinein.

Guten Appetit, sagte Frau Mühle und nickte dem Vater zu. Vielleicht wollte sie auch etwas Gutes weitergeben, und sei es einen Appetit, sie wollte vielleicht nicht nur dasitzenan einem fremden Küchentisch und aus einem fremden Glas trinken und Glück haben ohne Ende, während die anderen ringsum alle die Glücksbringer waren. Greta sah, wie sie sich die Brille auf der Nase zurechtrückte und dann wieder in die Runde schaute unddann direkt zu ihr, Greta, und ihr zulächelte. Aber Greta lächelte nicht zurück, sie fand, es war genug, genug irgendwas, Frau Mühle sollte nicht meinen, hierbleibenzu können für immer.

Sind Sie mit dem Schiff gekommen? fragte Hanno.

Nein, mit dem Flugzeug, sagte Frau Mühle.

Schade, sagte Hanno.

Frau Mühle erklärte, sie habe nicht so viel Zeit, nur ein paar Wochen, und die brauche sie für das ganze Südafrika.

Trotzdem, sagte Hanno.

Da guckte Frau Mühle Hanno ratlos an, ihre Augen ruhten lange auf ihm und waren riesig. Vielleicht hätte sie ihm gern den Gefallen getan, mit dem Schiff hergereist zu sein von Paderborn, von Paderborn nach Pretoria, das wäre ja etwas gewesen, da hätte sie auch eine Geschichte zu erzählen gehabt, nicht nur die Mutter mit ihrem Postamt.

Paderborn – dann sind Sie katholisch? fragte der Vater am Fenster.

Jojo, nickte Frau Mühle, aber nicht sehr! Sie lachte und scheuchte etwas Unsichtbares mit der Hand fort.

Später aßen sie alle die Glücksrädchen-Suppe und Frau Mühle verbrannte sich die Zunge.

Bald werden wir nach Deutschland zurückkehren, sagte die Mutter beim Nachtisch und schickte einen flitzenden Blick zum Vater.

Der Vater brummte etwas, aber das Apfelmus klebte seine Worte an die Zähne, so dass sie nicht richtig herausrutschen konnten. Darüber war die Mutter erleichtert, sie kratzte für Frau Mühle den Rest aus der Schüssel, den Greta gern gehabt hätte. Greta sah Frau Mühle zu, wie sie das Mus rasend schnell verschlang, vielleicht wollte sie so tun, als hätte sie gar nicht mehr gehabt als die anderen – hatte sie aber, Greta hatte es genau gesehen.

Hanno klopfte mit dem Fuß gegen das Tischbein. Das machte er immer, wenn er aufstehen wollte, aber noch nicht durfte.

Hanno, lass das sein, sagte der Vater.

Hanno ließ es nicht sein. Der Tisch wackelte schon.

Da sagte die Mutter rasch: Hanno, du kannst aufstehen, und Hanno stand auf und ging aus der Küche.

Die Mutter war den ganzen Tag die Glücksbringerin von Frau Mühle. Sie gab ihr ein Frotteetuch zum Duschen und bezog ihr das Bett im Gästezimmer und stellte ihr Pfirsiche auf den Nachttisch und machte ihr einen Milchkaffee und ließ sie so viel sie Lust hatte über Paderborn erzählen und bat den Vater, die Landkarte zu holen. Der Vater kramte im Regal, bis er sie fand, und breitete sie dann auf dem Küchentisch aus. Sie war so groß wie ein Tischtuch. Die Mutter und Frau Mühle beugten sich darüber, aber die Mutter schüttelte sofort den Kopf.

Doch nicht die Karte von Südafrika, sagte sie, wir brauchen die von Deutschland!

Der Vater holte stumm die Karte von Deutschland. Sie war viel kleiner, älter und weicher, in der Mitte hatte sie einen Riss, bei jedem Auffalten entstanden weitere Risse. Da! sagte der Vater und ging hinaus.

Frau Mühle und die Mutter setzten sich an den Tisch, tranken Kaffee und fuhren mit den Fingern über die Karte von einem Ort zum andern und sprachen von Buxtehude und Hamburg und Celle und Aurich und von München, Fulda und Hildesheim. Sie verteilten die Wörter auf dem ganzen Tisch wie funkelnde Steine. Bald waren es so viele, dass der Tisch nicht mehr ausreichte und die Steine übereinandergestapelt werden mussten. Buxtehude kam auf Potsdam und Berlin auf Buxtehude und Bad Nauheim auf Berlin. Der Tisch war kein Esstisch mehr, sondern ein feierliches Gebirge von Wörtern, verheißungsvoll wie alles Unsichtbare.

Dort lebte die Mutter, das sah Greta, sie lebte in dem, was man nicht sah, was aber auf kribbelige Weise näher kam wie Ferien, in die man mitten in der Nacht aufbrach. Greta kniete auf dem Hocker dabei und lehnte sich weit über das Gebirge. Sie sah den fahrenden Fingern zu und hörte, wie gut die Stimme der Mutter sich auskannte in jeder Silbe von Garmisch-Patenkirchen und Gütersloh und wie keck sie sich plumpsen ließ in Ulm, ihrem hauseigenen Sofa.

Später gab es Eis auf der Veranda. Der Vater erzählte Frau Mühle von Orten, die gleich hinter Pretoria begannen, und Greta stellte sich vor, wie Frau Mühle mit ihrem Rucksack auf dem Rücken die unendliche Straße entlangging, bis sie am Meer ankam. Greta schloss die Augen, um das Meer zu sehen, aber sie sah nur Lila, Rot, Grün und Gelb, das war auch gut.

Dann spielten Greta und Hanno im Hof mit den Fahrrädern, die ihre Pferde waren, die Schatten wurden länger, die Seminaristen schlenderten aus dem Tor, und einer hob Greta hoch hinauf, so dass sie ein großes Blatt von einem Baum reißen und das Dach eines Busses hinter der Mauer fahren sehen konnte.

Hanno kickte den Ball gegen das Tor, die Vögel schwirrten auf, es wurde dunkel und der Mond schob sich verstohlen aus einer Wolke. Die Grillen schrien wild, sie feuerten Pretoria an wie Fußballfans, Gretas Gehör wurde mitgenommen von ihnen und herumgewirbelt. Sie ritt auf ihrem Pferd langsam im Kreis herum und schaute zum Himmel hinauf. Sie musste noch nicht ins Bett. Es gab gar kein Bett, kein Haus. Niemand würde sie je rufen. Sie konnte immer soreiten. Der Abend war schwül und nah um Greta herum. Man konnte die Luft essen, Greta nahm sich eine Handvoll, sie schmeckte süß und dick und machte so satt wie nichtssonst auf der ganzen Welt.

 

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