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Tanja Jeschke

jetzt unter Vertrag bei der

Literarischen Agentur

Antas Bindermann Listau. Wir wünschen ihr viel Erfolg für die Vermittlung

ihres neuen Romans!

Auf der

Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet mit dem

Christlichen Buchpreis 2015

 

Tanja Jeschke

Die große Bibel für Kinder

Illustriert von

Marijke ten Cate

Deutsche Bibelgesellschaft

Stuttgart 2012

ISBN 978-3-438-04070-1

288 Seiten; 22,99 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschichten

Das Missglück der Frau Ichdochnicht

 

Als Frau Ichdochnicht an diesem Morgen aufstand, sagte sie „Das habe ich mir schon gedacht". Dass man, speziell sie, Frau Ichdochnicht, den vielbesungenen Morgenglanz wieder mal sonst wo. „Bin doch nicht blöd", hielt sie dem mit kalter Schulter entgegen, der das schon wieder von ihr verlangte. Sie würde sich heute nicht tugendhaft abrackern. Nur nicht diesen Tag nach irgendeinem Saft ausquetschen! Der dann nur wieder im Rinnstein verlief. Also Finger weg vom Was-auch-immer!

Sie putzte sich die Nase mit dem vom Kopfkissen ganz platt gedrückten Taschentuch von gestern. Dann kamen wie üblich die Sorgen angeflogen. Wilde krächzende Raben, mit frischen Halmen im Schnabel für ihre überall in der Wohnung verteilten Nester. Eins auf dem Schrank bei der Stauballergie, eins im Besenschrank bei der Bandscheibe, eins in der Kühltruhe bei den Verfallsdaten, eins unter dem Teppich bei den rostfreien Konflikten und eins auf dem Kopf. Von dort hing ihr das Neststroh wie ein Vorhang übers Gesicht, so dass Frau Ichdochnicht die Balken in ihrem Auge nicht sehen konnte. Und das Nest natürlich auch nicht. Sie dachte, das Stroh seien die Haarsträhnen, die auf ihre viel zu eckige Nase stießen, weil der Friseur wieder mal ungeschickt geschnitten hatte. Da kann man nichts machen, wusste sie jetzt immerhin. „Ich geb doch nicht schon wieder Geld für den Friseur aus", sagte sie laut zur Kaffeetasse. Der Kaffee starrte sie an wie ein dunkles blankes Auge. Sie schluckte ihn weg.

Frau Ichdochnicht ging um 11 Uhr zum Briefkasten. Die Nachbarin war auch gerade da. Sie klingelten sich mit dem Schlüsselbund zu. Klingt wie ein Pferdeschlitten im Winter, dachte Frau Ichdochnicht jedes Mal, sagte es aber nie, i wo, warum denn. Ist doch komisch, wo kein Schnee liegt, Pferdeschlitten im Winter zu sagen, ich lass mich doch nicht für dumm verkaufen. Die Nachbarin hatte keine Post. Sie zog ein Gesicht. Frau Ichdochnicht hatte Post. Sie zog kein Gesicht. „Mein Gesicht gehört mir, das geht niemand was an", dachte sie. Und blinzelte nur kühl aus Reiskornschlitzaugen, konnte den Absender nicht lesen, tat aber so, als ob doch, und hob wichtig die Stirn. Die Nachbarin hatte sich aber schon umgedreht, stand auf der Treppe, hatte eine Laufmasche. „Sie haben eine Laufmasche", sagte Frau Ichdochnicht. „Ich weiß", sagte die Nachbarin. Das ärgerte Frau Ichdochnicht.

Der Brief war vom Strafvollzug. Ihr Mann saß. Der Strafvollzug sagte das und das. Frau Ichdochnicht glaubte ihm kein Wort, gab sich aber dann einen Ruck und fuhr mit der Straßenbahn ins Gefängnis. Dort gab sie sich noch zwei bis drei Rucke, bis sie ihrem Mann im Besucherzimmer gegenüber saß. Der Wärter schloss die Tür. Hinter einer Glasscheibe saß ein Beamter und rauchte sich die Lunge schwarz. Frau Ichdochnicht und Herr Ichdochnicht besprachen die Lage. Das Essen, die Socken, die Schuld. Später wollte Herr Ichdochnicht noch was von der Tochter und ihrem Cockerspaniel wissen. „Der bellt immer, wenn sie telefoniert", sagte Frau Ichdochnicht.

Auf dem Heimweg schien die Sonne urplötzlich so grell, dass Frau Ichdochnicht sich gedrängt fühlte, in ihrer Handtasche nach der Sonnenbrille zu kramen. Sie war hinter das kaputte Innenfutter gerutscht. „Das nähe ich nicht mehr, das lohnt nicht, aber die Tasche kommt mir noch nicht in den Müll, das hätten die wohl gern."

Frau Ichdochnicht traf im Supermarkt schon wieder die Nachbarin. Sie guckten sich gegenseitig in den Einkaufswagen. Mit mäßigem Erschrecken stellte Frau Ichdochnicht fest, dass sie beide genau das gleiche eingekauft hatten: Rote Beete im Glas, Toastbrot und Scheuermittel. Zufall? Was sonst. „Und jetzt ab zu den Feinstrumpfhosen", munterte Frau Ichdochnicht die Nachbarin auf zu verschwinden. Die ging aber nicht. Sie zeigte auf die Lebensmittel in den Wägen und kicherte heiser: „Gucken Sie mal!" Frau Ichdochnicht nickte: „Jaja, hab ich schon gesehen", aber irritiert war sie doch, sie wusste jetzt nicht mehr, was sie noch kaufen wollte.

„Ich weiß jetzt gar nicht mehr, was ich noch kaufen wollte", sagte die Nachbarin. Frau Ichdochnicht riss ihre gut gehüteten Augen auf. Wer dachte hier was? Wer sagte was? Sie fühlte sich ganz verwechselt.

„Am besten, ich warte mal ab, was Sie kaufen, Frau Ichdochnicht!" Der Mund der Nachbarin sah aus wie eine Hängebrücke von einem Ohr zum anderen.

Da nahm Frau Ichdochnicht ihr Mißglück unter den Arm, rannte so schnell sie konnte nach Hause und klopfte es mit zwei Nägeln an die Wand. „Ich lass mir doch nicht alles nehmen!" schimpfte sie und drohte den Raben mit dem Hammer.

 

Heilig Abend im Wartesaal

 

Heilig Abend auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Eilige Tauben flatterten hinauf in die Kuppel. Der ICE nach München glitt langsam und beinahe feierlich hinaus. Es war kaum jemand unterwegs. Die Bahnsteige lagen verlassen, die Gleise wie still gelegt. Nur beim Brezelstand lungerte einer herum.

Herr Berg hatte heute Dienst. Für ihn war heute Donnerstag, ganz normaler Donnerstag. Keine Lust auf Heilig. Er war seit einem Jahr verwitwet und hatte sich selber gemeldet. Was sollte er allein zuhause in der Wohnung feiern. Seine Kinder lebten in Australien und feierten schon seit Stunden am Pool. Sie riefen nachher sicher an. Er war gern auf dem Bahnhof unterwegs und sah nach dem Rechten. Er kannte die Leute, die immer hier herum saßen. Er ließ sie. Wo sollten die denn sonst hin. Der Bahnhof war doch eine ganz ordentliche Sozialstation.

Herr Berg schlenderte rüber zur Bahnhofsmission. Der Raum war wie immer überheizt. Frau Kätzel und Frau Schmidt saßen da. Frau Schmidt rauchte, Frau Kätzel strickte. Sie hatten dampfende Kaffeetassen vor sich. Herr Berg sagte: Frohes Fest alle zusammen!

Ebenfalls, Herr Berg! antworteten sie wie aus einem Munde. Einen Kaffee?

Danke, gern, sagte Herr Berg und setzte sich.

Nichts los heute, sagte Frau Schmidt. Die Leute tun wieder alle so, als hätten sie nichts nötig, schon gar nicht uns hier. Das war doch letztes Jahr schon genau so. Da hatte ich auch Dienst. Finde das gar nicht schlecht. Anstatt zuhause vorm Fernseher. Das ist doch immer dasselbe. Einen Baum habe ich eh nicht. Naja, dann lieber hier sitzen und gucken, wer kommt und ne schöne Tasse Kaffee. Und später noch heißen Punsch. Kommen Sie nachher doch noch dazu, trinken wir zusammen Punsch, Herr Berg. Was, Mechthild?

Klar, sagte Frau Kätzel.

Ach je, sagte Frau Schmidt, die Kerze haben wir ganz vergessen, die Kerze, Mechthild! Wo haste die Streichhölzer hinverschusselt?

Frau Kätzel stand auf und kramte in der Schublade bei der Spüle. Hier, sagte sie, Auffangen! Und warf die Schachtel in Richtung Herrn Berg, der sie mit der Linken schnappte.

Er zündete den roten dicken Stumpen an.

Frau Kätzel hatte plötzlich auch noch einen grünen Tannenzweig aus Plastik parat. Sie legte ihn quer zur Kerze und ließ sich dann schwer in den Stuhl fallen.

Sie tranken ihren Kaffee. Der Lautsprecher draußen erzählte was von Verspätung.

Herr Berg ging dann wieder und machte seine Runde.

Hier an der Ecke, wo die Rolltreppen runter gingen zur S-Bahn, war es immer so zugig. Er ging zur Bäckerei rüber. Sie hatten heute so leckere Vanillekipferl.

Dann ging er zum Wartesaal. Dort fehlte eine Glühbirne in einer der Deckenlampen. Der Raum sah von weitem schon so schummrig aus.

Er öffnete die Tür. Die Sitze alle leer. Auf dem Boden lagen zerknüllte Bäckertüten und Pommes. Herr Berg fegte sie mit der Schuhspitze in eine Ecke.

Ein Reiseprospekt da auf einem der Sitze. Ausgerechnet Australien. Weiße Strände, blaues Meer, ein Koalabär drehte Herrn Berg sein drolliges Gesicht zu. Herr Berg setzte sich und blätterte darin. Das da war ja wohl Sydney. Mit diesem grandiosen Opernhaus direkt am Wasser. Nicht schlecht. Vielleicht würde er ja nächstes Jahr um diese Zeit bei den Kindern sein. Weihnachten mit gegrillten Steaks unter dem Sonnenschirm.

Herr Berg sparte für den Flug, aber wenn er daran dachte, wie lange das Flugzeug unterwegs sein würde, oh je.

Das hier waren die Ureinwohner von Australien. Diese kleinen Kreaturen, wie Kinder.

Da ging die Tür auf. Herr Berg merkte es zuerst nicht. Er las gerade etwas über die Hotels mit den vier Sternen. Jemand trat ein.

Frohe Weihnachten!

Herr Berg guckte auf. Ah, ebenfalls, sagte er und stand auf. Er war ja im Dienst. Er wartete hier nicht, er war im Dienst. Also aufgestanden und -.

Ein Mann in einem bis zum Boden reichenden Mantel stand da. Der Mantel hatte einen Pelzkragen, war aber sehr zerschlissen und man sah gleich, daß der Mann auch niemanden hatte, der ihm die Knöpfe annähen konnte, denn es fehlten welche. Der Mann hatte einen Dreitagebart, dunkle Augen und einen goldenen Ohrring. Und einen kleinen Koffer.

Setzen Sie sich ruhig, sagte Herr Berg. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, dem Mann einen Stuhl anbieten zu müssen, aber nicht bloß anbieten, sondern auch noch herholen und dann mit der Hand drüber streichen zum Saubermachen und dann anbieten. Aber die Sitze waren alle an der Wand festgeschraubt. Deswegen machte Herr Berg nur eine höfliche Handbewegung, die alles das umfassen sollte.

Danke, gern, sagte der Mann und nickte. Er setzte sich und stellte seinen Koffer auf einen Sitz neben sich.

Hm, so ein Heiliger Abend im Wartesaal vom Bahnhof ist ja auch mal was, sagte Herr Berg und dachte: Ein bisschen schmackhaft machen das ganze. Der Herr sieht nicht so aus, als würde er Weihnachten üblicherweise so verbringen.

Durchaus! Der Mann schaute sich um. Ich habe heute Geburtstag!

Oh, das tut mir – leid, wollte Herr Berg sagen, verstummte aber in letzter Minute, Gott sei dank, denn es war ja wohl nichts zum Leidtun, wenn einer heute auch noch Geburtstag hatte, egal ob hier oder sonstwo.

Herzlichen Glückwunsch, meine ich natürlich, verbesserte er sich also eilig und reichte dem Mann seine Hand. Der schüttelte sie lange und dankte ihm.

Sie warten wohl auf Ihren Anschluss? Herr Berg beschloss, sich zu ihm zu setzen.

Nein, nein, sagte der Mann.

Er verschwieg etwas, das sah Herr Berg ihm an, aber Herr Berg war sehr höflich, er ließ die anderen Menschen in ihren verschlossenen Kammern sitzen, wenn sie das so wollten. Er war kein Rüttler, kein Türeinschmeißer.

Er strich sich übers Kinn. Jetzt gehen ging auch nicht.

Ja, ein bisschen reisen über den Geburtstag, sinnierte er dann munter drauflos, und am Heiligen Abend die Füße ein bisschen ausstrecken im Wartesaal ...

... und nachher ein bisschen Punsch mit Frau Kätzel und Frau Schmidt! machte der andere weiter.

Da war Herr Berg erstaunt. Sie kennen die beiden?

Ich bin ihr König, sagte der Mann.

Der König von Frau Kätzel und Frau Schmidt? Herr Berg riß jäh den Kopf herum.

Jetzt nickte der auch noch. Aber betrunken war er nicht.

Auch von Ihnen, sagte er.

Wie - von mir? Herr Berg stutzte. Für so einen hatte er den Herrn eigentlich nicht gehalten, für so einen Psycho, nein, die Augen sahen ganz normal aus, an denen sah man es sonst. Die hatten dann so was Viermalfünfschichtiges, so was Ich-bin-ein-Wassermann-und-du?

Ja, sagte der Herr.

Mal abwarten, dachte Herr Berg und kreuzte seine Arme über der Brust.

Der Herr gedenkt wohl keine weitere Erklärung abzugeben. Herr Berg linzte ihn von der Seite an. Erst so einen Stuss und dann schweigen. Eigenartiger Kerl! Na, dann spiel ich das Spiel einfach mit, dann kommt der schon noch in Bewegung! Herr Berg kramte im Hirn nach der richtigen Würze und sagte dann: Seine Durchlaucht geruhen mir eine Frage zu erlauben?

Der König nickte. Aber sehr wohl, Herr Berg!

Herr Berg wackelte ein bisschen mit den Ohren, als er hörte, daß der andere seinen Namen wußte. Woher kannte der ihn? Mal stark überlegen, das mußte doch rauszubekommen sein! Aber erst mal hübsch auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

Seine Durchlaucht haben auch eine Krone? Immer das nächstliegende. König – Krone, ganz klar.

Im Koffer, antwortete der Mann und wies mit dem Kopf neben sich.

Verblüffend! Ist nicht auf den Mund gefallen, der Herr! Na, dann aber mal Koffer auf, würde ich sagen! Herr Berg salzte nach: Es würde meiner Wenigkeit eine überaus große Freude bereiten, die Krone zu sehen.

Mit Vergnügen. Der Mann griff nach dem Koffer. Schnapp, das Schloss klappte auf. Herr Berg lehnte sich weit rüber. Und glaubte sich im Märchen! Tatsächlich, da funkelte und glitzerte eine Krone. Prächtig und golden lag sie im Samte! Und weiter nichts, kein Oberhemd, keine Strümpfe, eine Krone, aber eine echte, das sah man ja!

Jetzt bekam Herr Berg aber doch Herzklopfen. Darf ich mal anfassen? flüsterte er.

Der Koffer wurde rübergereicht. Herr Bergs Zeigefinger strich die Zacken hoch und runter, alle einzeln, wie sich das anfasste! Er zitterte.

Und welches Reich nennen Sie das Ihre? fragte er mühsam.

Ich regiere im Himmel und auf Erden, sagte der Herr.

Noch nie hatte Herr Berg so deutlich seinen eigenen Groschen fallen hören. Der knallte wie ein Schuß aus der Pistole: Gott! Dann sind Sie Gott!

Ja.

Knapper konnte der es wohl auch nicht sagen. Das machte die Angelegenheit hier aber zu einer ganz brisanten, zu einer ganz gepfefferten. Was nun? Ich könnte ihn um ein Wunder bitten, überlegte Herr Berg, oder um Geld.

Ich hätte da noch einen Wunsch, sagte er und gab ihm den Reiseprospekt. Und noch ehe er sich versah, brach der König auch schon einen Zacken aus der Krone, knack, und reichte ihn Herrn Berg. Das müsste reichen, sagte er. Und ich geh jetzt Punsch trinken, kommen Sie mit?

Der König verließ den Wartesaal, Herr Berg brauchte noch eine Weile, bis er den Zacken in sein Taschentuch gewickelt hatte. Dann rannte er ihm nach.

 

Es existiert kein Innenraum mehr

 

Er war der Verschwender. Er lebte im Jackpot des Überflusses. Er überzog seine Welt mit dem Lack des Geldes. Er glänzte, er stimulierte, er stieß unablässig eine Wolke von Macht aus, er imponierte. Seine Augen gingen ihm über. Seine Sinne strotzten. Er fuhr 300 Sachen. Er nahm sich alles, was er brauchte, denn dazu war es doch da. Und warf damit um sich. Er mied die armen Leutchen (diese ausgemergelten Verhungernden, die für ihn eine Lüge verkörperten). Kein Quentchen Glück blieb ihm verborgen, ach was, das ganz große Glück war stets auf seiner Seite, er hatte das ganz große Los gezogen, täglich den Sechser im Lotto. Mit vollen Händen gab er alles aus.

Was kostet die Welt? Diese Frage überging er mit den Siebenmeilenstiefeln seiner Lust.

Konnte er sich das leisten? Diese Frage wurde ihm nicht gestellt. Ihm nicht.

Er war der Verschwender.

So war er einfach.

Sie war die Verschwenderin. Sie hockte still im Schneckenhäuschen. Studierte dessen Wände aufs genaueste. Kannte jede blanke Kurve und sogar den gewundenen, scharf geschnittenen Ausgang, dessen ovale Kanten von weitem schimmerten und hinauswiesen in eine obskure Riesenhaftigkeit, die sogenannte Außenwelt, deren Ausmaße ihr nicht geheuer waren. Lieber drin bleiben, lieber vorsichtig wiederkäuen, was das korrekt gedrechselte Gehirn (es hatte längst die Form der Behausung angenommen) gerade so verzieh. Lieber nicht. Lieber gar nicht. Oder lieber vielleicht -- Sie meinte damit irgendetwas, das mit ihr zu tun hatte. Es war vermutlich etwas Kleines. Etwas, das man nicht in jenes Licht dort draußen stellen konnte, denn Licht war Gefahr und Gefahr war tödlich und Tödliches schien ihr doch zu – sie fragte lieber nicht genauer nach. Wen auch. Es kam niemand. Sie dachte dabei ganz heimlich: Wieso, ich gebe mich doch hin?

Was sollte man dagegen haben? Diese Frage überging sie mit dem Lächeln ihrer Sonderbarkeit.

Wollte sie verkümmern? Diese Frage wurde ihr nicht gestellt. Es war ja keiner da. Es passte ja niemand sonst ins Schneckenhäuschen.

Sie war die Verschwenderin.

So war sie einfach.

Die beiden trafen eines Tages aufeinander. Das war nicht verwunderlich. Denn ihre Existenz hatten exakt dieselben Koordinaten auf exakt derselben Achse.

Er jumpte auf sie zu. Sie trat mit der Fußspitze auf seine Unverschämtheit. Und wurde von seiner Sonne so geblendet, dass sie kurz vorm Verblühen noch ein letztes Mal jene tiefe Lust empfand, die Augen niederzuschlagen und die eigene Nichtigkeit zu teilen.

Er lud sie ein, in seinen feuerroten Porsche zu steigen. Es kam ihr nicht in den Sinn, dieses Angebot abzulehnen, da sie keinen hatte (keinen Sinn, einen Porsche sowieso ja nicht).

Sie fuhren 300 Sachen. Sie flogen über die Straßen und Landschaften. Die Kühe begleiteten ihre Raserei als Querstreifen über einem ungefähren Grün. Die anderen Autos blitzten hier und da auf, nichts als Schemen. Oder Ufos? Oder was sonst?

„Ich kaufe uns ein Wasserbett", versprach er ihr, „ich lasse es mit Champagner füllen."

Sie knäulte ihr Tempotaschentuch im Fäustchen. Sie hätte nie gedacht, dass –

Um ihr noch etwas zu bieten, überließ er dann das Lenkrad der stets zur Verfügung stehenden Zeit. Sie fuhr die beiden endlos herum.

Bis sie schließlich in einer großen Halle ankamen.

Dort ließ er unter ihren erstaunten Augen den feuerroten Porsche von allerstärksten Maschinen zusammenquetschen. Bis kein Innenraum mehr existierte.

„Es existiert kein Innenraum mehr", wiederholte er mehrmals, denn er philosophierte gern über den Innenraum. Schon immer hatte er den verdächtig gefunden. Schon immer hatte er dem mal eins auswischen wollen.

Der Porsche, dieses kompakte Bleckpaket, sie durfte ihn sich unter den Arm klemmen und mit nach Hause nehmen.

„Ich trage einen Porsche mit mir herum", sagte sie mit ihrer beinahe stummen Stimme und brannte vor Empörung lichterloh.

„Wie bitte?", fragte er und neigte sich zu ihr herüber.

Aber da war sie schon zu einem Aschehäufchen vor seinen plumpen Freierfüßen verkohlt, die arme Verschwenderin.

 

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