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Tanja Jeschke

jetzt unter Vertrag bei der

Literarischen Agentur

Antas Bindermann Listau. Wir wünschen ihr viel Erfolg für die Vermittlung

ihres neuen Romans!

Auf der

Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet mit dem

Christlichen Buchpreis 2015

 

Tanja Jeschke

Die große Bibel für Kinder

Illustriert von

Marijke ten Cate

Deutsche Bibelgesellschaft

Stuttgart 2012

ISBN 978-3-438-04070-1

288 Seiten; 22,99 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturkritik

Miss Bobbit: Capotes hinreißendes Geschöpf

 

Wie man es schafft, auf ein paar Seiten den Funken eines ganzen Kinderlebens aufsprühen zu lassen, das weiß Truman Capote, der geniale amerikanische Erzähler, dessen Gesamtwerk jetzt im Kein&Aber Verlag in Zürich in einer sehr schönen Neuübersetzung vorliegt. Zwar erfährt man in dem kleinen Bändchen „Kindergeburtstag" nicht, wem man diese struppige und doch klare, sommerleicht tänzelnde deutsche Sprache zu verdanken hat, der Name des Übersetzers fehlt leider, dafür hat man aber die Bilder von Rudi Hurzlmeier. Ihm ist es geglückt, das Lesevergnügen, das Capote einem hier bereitet, noch um ein Vielfaches zu vergrößern. Wie gebannt betrachtet man die kleine frühreife Miss Bobbit, „ein drahtiges kleines Mädchen in einem gestärkten zitronengelben Festkleid, das mit Erwachsenengehabe anspaziert kam" und allen im Ort die Köpfe verdreht. Wenn sie nachts zur Leuchtkäferzeit im Garten tanzt, allein und seltsam fern, oder ihre gedrechselten Reden über den Teufel hält, dann meint man, eine skurrile Shirley Temple vor sich zu haben, eins dieser süßen amerikanischen Raupentierchen, die von Hollywood zum Schmetterling gedrillt werden. Der Unterschied ist nur, daß niemand da ist, der Miss Bobbit zu dem macht, der sie ist, schon gar nicht ihre farblose Mama mit dem hungrigen Blick. Sie allein ist es, die das Uhrwerk ihres Lebens aufzieht, damit die Puppe tanzt. Denn das will Miss Bobbit: tanzen. Mit der Energie eines Kometen steigt sie am Himmel auf, auch wenn es zunächst nur der eines Örtchens im Nirgendwo ist, schart ihr verliebtes Publikum um sich und unterhält es prima. Aber ach Komet und Uhrwerk – so ein Kind, das keines ist - man weiß von Anfang an: ihre Zeit läuft ab. Der Sechs-Uhr-Bus wird kommen und etwas Schlimmes wird geschehen. Kurz davor aber rennt sie plötzlich mit offenen Armen, endlich wie ein Kind, ungestüm, einfach drauf los – Hurzlmeier malt es so herzzerreißend wie Capote schreibt und die ganze Welt steht auf einmal still und hält die Luft an, die Luft, nach der sie doch gerade erst, Zeile für Zeile, zu schnappen begonnen hat.

Der einzige Fehler dieser Geschichte ist, daß sie viel zu früh aufhört.

 

(Truman Capote, Kindergeburtstag. Bilder von Rudi Hurzlmeier. Kein & Aber, Zürich 2008)



Ein Applaus für Ortheils Unvermögen

 

Hanns-Josef Ortheil hat schon einige Liebesromane geschrieben, und jedes Mal geht er mit seltener Überzeugungskraft das Risiko ein, die fast ans Naive grenzende Freude am schönen Leben nicht nur zwischen den Zeilen der Beziehungen unterzubringen, sondern sie glänzend und begeistert direkt im Text auftrumpfen zu lassen. Wie schafft er es, dass man ihm das Weglassen des allzu Schmerzlichen augenzwinkernd verzeiht? Und wie bringt er dieses Herzklopfen zustande, mit der man seiner schönen Sprache auf ihrem Fluss folgt, als gleite man in einem Kahn zwischen stillen grünen Ufern?

Sein neuer Roman mit dem etwas aufgebauschten Titel „Die Erfindung des Lebens" ist ein Roman, dessen Liebe sich auf ihn selbst bezieht, eine autobiografische Geschichte also, deren Inszenierung trotz ihres dunklen Anfangs eine rauschhafte Hochgestimmtheit verbreitet, der man sich gerne hingibt. Ein Junge wächst stumm neben seiner Mutter auf, der die Verluste von vier Söhnen vor diesem letzten die Zunge vollständig gelähmt hat. Die Genialität seines Vaters rettet ihn aus seiner Isolation, und wie dieser Sprachgewinn vor sich geht, verschlägt wiederum dem Leser die Sprache – das ist ungeheuerlich und kann hier nicht einmal skizziert werden. Der Junge lernt Klavier spielen und geht später nach Rom, um Pianist zu werden. Alles an ihm ist vielversprechend, alles genial und wundersam, das liest sich herrlich, und selbst eine banale Sehnenscheidenentzündung, die seine Karriere zerstört und ihn zum Schriftsteller macht, dient noch dem Eindruck, dass wir es hier nicht nur mit einer ungewöhnlichen Biografie zu tun haben, sondern mit einem großartigen Buch über das, was Literatur im Letzten ist: ein Handicap, ein überwundenes zwar, aber eben doch ein Ersatz für Unvermögen. Am Schluss gilt dann auch die eigentliche Hymne der Geschichte dem Klavierspieler, der nach langen Jahren wieder vor jubelndem Publikum auftritt, und so feiert Ortheil hier seinen Genuss, nicht ohne ihn - ein wenig verliebt ins eigene Talent und mit vollendeter Geste - an seinen Leser weiterzureichen.

 

(Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens. Roman. Luchterhand, 2009)



Liebe, Muße und Sekt

 

Dass ein großer Erzähler wie Hanns Josef Ortheil erneut zum Thema „Liebe" greift, liegt nahe. Nach „Die große Liebe" (2004) und „Das Verlangen nach Liebe" (2007) schließt er nun die Trilogie mit „Liebesnähe" ab. Die Figuren seines 2011 erschienenen Romans kreisen in einem Liebesuniversum wie Planeten umeinander, deren Magnetismus von japanischer und deutscher Mystik zugleich aufgeladen scheint. Jule Danner, die schöne Frau und passionierte Schwimmerin, wird von Johannes Kircher in einem Luxus-Hotel im Voralpenland entdeckt, beobachtet und – zunächst schweigend – geliebt. Andersrum genauso. Die Dramaturgie ist perfekt, die Figuren treten frei und reich auf jeder Buchseite ins rechte Licht, und immer gibt es genug Muße und Sekt. Die Welt bleibt draußen und stört nicht weiter. Was im Hier und Jetzt geschieht ist die Zubereitung von Kunst, Genuss und künstlerischer Existenz in reiner Form. Während er als Autor arbeitet, dreht sie Videos ihrer Installationen, in denen immer sie selbst die Hauptrolle spielt. Der Pool auf dem Hoteldach wird zum Raum von Licht und Schönheit. Es geht ihr um die Inszenierung des tausendjährigen „Kopfkissenbuchs" der Hofdame Sei Shoragon aus dem alten Japan. Und Johannes lässt sich einspinnen in dieses Spiel der Annäherung, das viel zu oft viel zu ausgeklügelt und manieriert wirkt, um zu überzeugen. Das Zelebrieren ästhetischer Umgangsformen und genialischer Lebensräume vollzieht sich allzu wunderbar. Die sparsamen Momente der Nähe platzen aus den Nähten einer seltsamen Geheimniskrämerei, als die beiden sich endlich in einem eigens für die gegenseitige Offenbarung eingerichteten Holzhaus-Idyll zusammenfinden. Vornehme Kellner tragen die Speisen über die Wiese, Musik begleitet den Taumel, formvollendet stoßen die Phänomene der Liebe ihre Sektkelche aneinander.

Wo sind die Hindernisse, die Wunden, die Kämpfe? Literatur wird so zum Blick durch die Kamera in eine Art Meditationstempel der Liebe. Oder ist es doch eher Narzissmus?

 

(Hanns-Josef Ortheil: Liebesnähe. Roman. Luchterhand, 2011)

Flotte Gesten und alter Zwieback

 

Geliebte können ausgewechselt werden, Kinder nicht, weißt Gina, die Ich-Erzählerin in Anne Enrights neuem Roman „Anatomie einer Affäre", erschienen bei DVA. Dennoch wechselt sie ihren Geliebten Séan keineswegs, dessen Tochter Evie unter mysteriösen Anfällen leidet, die bei näherer Betrachtung vermutlich Epilepsie genannt werden könnten. Aber Ginas Affentempo, mit dem sie durch dieses Buch rast, lässt so etwas wie nähere Betrachtungen nicht zu. Zwar versucht sie unablässig die Umstände ihres äußeren und inneren Beziehungslebens zu erkunden, aber ihre irische Autorin Enright stattet sie mit einem Mundwerk aus, das zu schlampig gezogenen Schlussfolgerungen neigt, zu flotten Gesten, rasanten Erklärungen, und so erweckt sie immer nur den Anschein, Triftiges zu sagen zu haben, kommt aber nicht wirklich ans Licht damit. Wenn eine Affäre zu einem verheirateten Mann mit einem Blick auf seinen Hinterkopf beginnt, kann nichts nebensächlich sein, was danach geschieht. Aber die Steigerung kommt nicht. Sie wird nur als etwas Verheißungsvolles in die Sätze gestreut wie ein scharfes Gewürz, das das ganze Essen bestimmt. Dass Gina mit diesem Stilmittel den Charakter einer Affäre schlechthin beschreibt, ist ihr vermutlich selbst nicht bewusst. Sie scheint es ernst zu meinen und poliert den Hotelzimmer-Glorienschein ihrer Liebe, ungeachtet dessen, dass die Alltagsrealität alle längst eingeholt hat. Mit vergnüglicher Lakonie gibt sie zu, dass nach der ersten Begegnung mit IHM „fast ein weiteres Jahr verging, bis wir zu dreisten Tat schritten" und „Auch den Himmel zerrten wir herab, bis er uns wie ein Tuch bedeckte". Zwar erstickt keiner darunter, aber allein die Geschichte um Evie schafft es, als roter Baumwollfaden das löchrige Gewebe der Lovestory zu durchziehen. Am Schluss machen Gina und Evie allein einen Einkaufsbummel, und der wirkt handfest wie Lippenstift. Anne Enright hat bereits in ihrem letzten Roman „Das Familientreffen" gezeigt, was knallharte Sprache tut: sie lässt Beziehungslügen zerbröckeln wie alten Zwieback, auf den man mit der Faust haut. Und weh tut das auch.

 

(Anne Enright, Anatomie einer Affäre. Roman. DVA, 2011)





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